„JALT“ (Anfangsbuchstaben der Erstgeborenen) – 23. Juli 2004 bei Gudrun

 

Chaos – Kochen am 23. Juli 2004

J – A – L – T

(Anfangsbuchstaben der Erstgeborenen)

 

Avocadospalten mit Thunfisch – und Balsamicodressing

Thom-Kha Suppe mit Langkornwildreis

Tortillatarte gefüllt mit Teller- Linsen,

Auberginen, Lachsschinken und geraspeltem

Leerdamer & Appenzellerkäse mit

Jostabeerenchutney, Lemberger -Wein

Chutney-Rezept: 500g Jostabeeren mit 100 g feingewürfelter getrockneter Aprikose in 5 Esslöffeln Balsamicoessig aufkochen. Chiliflocken, zwei Messerspitzen 5-Gewürze Mischung und groben schwarzen Pfeffer zugeben, etwas Salz und Zitronensaft mit einem gehäuften Teelöffel Speisestärke verrühren und zum Kompott geben, wieder kurz aufkochen lassen – kühl stellen.

Johannisbeeren unter einer Zimtmandel –

Baiserhaube

 

 

Schon während der Zubereitung des vorzüglichen Menüs entsteht die Figur der „Daphne Langkorn- Wildreis“, leitende Mitarbeiterin der Gauck-Behörde und eine der Hauptpersonen des erschütternden folgenden Dramas :

UNDER COVER“ .

 

Weitere Mitwirkende :

Graf Josta, der aus dem Jostabeerenchutney entstand

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Leander Linsen u.

Cleopatra Linsen   Linsen für die Tortillafüllung

Thusnelda Teller-Linsen

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Maik Lemberger nach gleichnamigem Wein

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Max-Onno Leerdammer, der Käse im Menü

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Joachim sen. Johannisbeer(en)

Jan

John u.

Jockel jun.(Söhne)

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Alf& Anni Avocado,  Avocado für die Vorspeise

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Gian Carlo Tonno, der Thunfisch für die Vorspeise

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Josephine Aubergine,  Aubergine für die Tortilla-Füllung

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Zenzi Appenzeller,  Käse für Tortillafüllung

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Dschingis Thom-Ka,  japanische Suppenpaste in

Verbindung mit

Daphne Langkorn-Wildreis, Reismischung für Suppe

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Maria Mercedes Tortilla,  Tortillafladen

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Ludger Zucker u.

Hans Salzkorn,  Zutaten für Menü (allg.)

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Zwischen Bonn und Berlin in den bewegten Jahren zwischen 1969 und den späten Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts zieht uns die packende Liebes – und Leidensgeschichte der Daphne Langkorn- Wildreis in einen unerklärlichen Bann. Bundesrepublikanische Zeitgeschichte zieht an uns vorüber und lässt uns in fassungslosem Taumel den Kochlöffel senken.

Welch bunte Schar facettenreicher Akteure bevölkert plötzlich die Arbeitsplatte :

Maik Lemberger :

gebürtiger Sachsen – Anhaltiner, geb. 1969, sportliche Figur, wendig mit meist offenem Hemd und üppig behaarter Brust, mit Tatoo auf dem linken muskulösen Oberarm. Er verführt die bis dato unerfahrene Daphne und erschleicht nicht nur das Vermögen der Betroffenen, sondern erspitzelt im Auftrag des dubiosen Leander Linsen geheime Informationen am Arbeitsplatz der leitenden Mitarbeiterin der Gauck- Behörde( Leander Linsen, dessen tragische Kindheit mit dem vorgeburtlichen Verlust seiner schon im Mutterleib dominanten Zwillingsschwester Cleopatra beklemmende Auswirkungen auf sein weiteres Dasein hat )

Daphne – trägt Miederhöschen, ist leicht verklemmt, altjüngferlich, ohne Hornbrille verloren, hat mit Männern und Sex nicht viel Erfahrung – verfällt nun dem um 12 Jahre jüngeren Lemberger und gerät in einen emotionalen Strudel unbekannten Ausmaßes.

Max- Onno Leerdammer hingegen scheint auf den ersten Blick ein mit sich und der Welt zufriedener Tulpenzüchter mit Wohnsitz an der deutsch-holländischen Grenze zu sein. Seine Großmutter jüdischer Herkunft hat ihn liebevoll erzogen, denn beide Eltern verstarben während des

2. Weltkrieges auf nie ganz geklärte Weise und ließen ihn in der Obhut der kultivierten alten Dame zurück, die ihm ihre ganze Liebe und uneingeschränkte Hinwendung schenkte. Uns deucht- ein glücklicher Erdenbürger !

Max jedoch trägt schwer an seiner unerwiderten Liebe zu Daphne, seiner unerreichbaren Traumfee seit Schülertagen. Noch immer gedenkt er der erfüllten Zeiten der gemeinsamen Schulwege und zehrt noch heute von der ihn auch noch in der Erinnerung herzschmerzenden Szenerie als es ihm gelang, den großen schwarzen Herrenschirm über ihrer beider Köpfe zu halten und den süßen Duft der Angebeteten zu erahnen. Seit dieser Zeit lebt er allein und betreut seine in unzähligen Farben blühenden Pflanzen aufs trefflichste.

Nicht weit von ihm entfernt residiert sein „Nenn-Onkel“ Graf Josta, Ehrenbürger der Stadt Bonn, auf einem geschmackvoll gestalteten Anwesen außerhalb der Stadt, seit Jahrzehnten liebevoll umsorgt von Alf und AnniAvocado, dem loyalen und unbescholtenen Dienerehepaar.

Graf Josta gehört zu den Honoratioren der Stadt, ist Gründungsmitglied der FDP und kann nur verwundert und eigenartig berührt sein gutgeformtes Haupt mit dem fülligen silbrigglänzenden Haarschopf senken, wenn er über die Entwicklung der Partei sinniert.

Sein noch immer energischer Gesichtsausdruck verliert an Spannung und die stahlblauen Augen blicken weich, wenn er an Max-Onno denkt, den Sohn seines besten Freundes, der zu früh verstarb:

Langsam wird es Zeit, dass Max an die Gründung einer Familie denkt!“

Versonnen windet er den weißseidenen Schal um seinen faltigen Aristokratenhals und schreitet durch den sonnendurchglühten Park den sauber geharkten Kiesweg entlang. Er nähert sich dem massiven Messingbogen, der rosenblütenübersät den steinernen Ausgang überspannt, als ein Taxi vorfährt und die drahtige Zenzi Appenzeller, Schwiegermutter seines treuen Hausfaktotums Alf mit großem Gepäck den Untiefen der Karosserie entsteigt.

Zur gleichen Zeit streicht sich Gian – Carlo Tonno, Eigentümer des kleinen erstklassigen „Monteverdi“ in Bonn, in der chromblitzenden Restaurantküche mit einer fahrigen Handbewegung über sein öligglänzendes Haar, das im feisten Nacken mit einer edelsteinbesetzten Spange zu einem dunklen, borstigen Pferdeschwanz zusammengefasst ist. Feine Schweißtropfen stehen auf seiner gelblichfarbenen Stirn. Er atmet schwer und erschrickt vor dem pfeifenden Geräusch, das bei jedem Atemzug seinen nikotingeschwärzten Lungenflügeln entweicht. Sein letzter Gedanke, bevor das Tranchiermesser den Schädel spaltet, gilt der versäumten Vorsorgeuntersuchung letzten Dienstag.

Maria Mercedes Tortilla ist in Gedanken dabei, das Dessert der heutigen Tageskarte zu kreieren. Seit sie denken kann, gehört dem krönenden Abschluss jedes ihrer hinreißenden Menüs ihre ganze Leidenschaft.

Kein Gast soll dieses zartschmelzende Geschmacksereignis je vergessen.

Maria Mercedes weiß, dass ihre glücklichen Gäste mit dem unvergleichlich verzückten Mienenspiel nach Abschluss des Restaurantbesuchs schon den nächsten behaglichen Abend planen, in diesem ihr so vertrauten Haus, das ihr die zweite Heimat wurde.

Niemand geht in die Nacht hinaus, ohne den gewohnten, mit Weißleinen und schwerem Silber gedeckten Tisch für die nächste Woche zu reservieren.

Sie weiß, dass Gian Carlo ihre Arbeit schätzt und ihr völlig freie Hand lässt – noch nie war sie so rundherum zufrieden.

Sie richtet sich auf, schraubt den Füllfederhalter zu und schaut zum Fenster:

Zeit in die Küche hinüber zu gehen, hoffentlich hat Gian-Carlo die Limonen, um die ich ihn bat, nicht vergessen.

Er ist in letzter Zeit so seltsam.

Er wirkt verstört !“

Auch den Stammgästen scheint seine ihm sonst so eigene Präsenz dünn wie verblichenes Leinen. Er verbringt viel Zeit am platinfarbenen Handy , starrt mit fast irrem Blick auf das mattneongrüne Display, als sei es eine geheime Mattscheibe, auf dem die nahe Zukunft Furcht und Schrecken verheißt.

Auch fällt ihr nun jäh ein, dass in den letzten Wochen zu meist später Stunde schwarzgekleidete Männer mittleren Alters in dunklen Limousinen schwerelos auf den fast wie poliert wirkenden Kieselsteinchen des Parkplatzes zur hinteren Tür des weitläufigen Hauses gleiten.

„Was bedeutet das alles ?“

Blitzschnell lässt Dschingis Thom- Ka sein blankpoliertes Springmesser in der Tiefe seines Lederbeutels verschwinden. Zärtlich streicht er über die narbige Oberfläche des hirschfarbenen Beutels und lässt schützend seine feingliedrige schmale Hand auf der verkratzten Verschlussschnalle liegen.

Maik Lemberger, der Held seiner Kindheit, hat sie ihm vor Jahren geschenkt.

Dschingis lehnt sich zurück , schließt seine mandelförmigen Augen zu schwarzbewimperten Schlitzen und erinnert sich mit heißem Herzen an den Tag, als Mike wie eine Lichtgestalt in sein schäbiges Leben trat.

Dschingis war 7, als seine vietnamesischen Eltern vermeintlich zum Verwandtenbesuch in die Heimat flogen und niemals zurückkehrten. Sie ließen ihren kleinen Sohn in der Fremde der ostdeutschen Tristesse eines schmutzigen Bergbaustädtchens in der Obhut einer schroffen, ungepflegten, alten Frau. Sie hatte mürrisch der verzweifelten Bitte der Eltern zugestimmt, auf den Bub zu achten.

Erst Maik Lemberger beendete das Elend des kleinen Dschingis, der größen- und kräftemäßig allen Klassenkameraden unterlegen war und dem nur als Versuchsobjekt unzähliger qualvollen Erniedrigungen eine Daseinsberechtigung zugebilligt wurde, mit einem gewaltigen Donnerschlag. Mit fast hündischer Ergebenheit erfüllt Dschingis fortan alle kleinen und großen Aufträge, die ihm sein „Idol und Boss“ erteilte.

Er ist ihm verabredet heute, jetzt und eigentlich sollte er schon lange da sein – in dieser baufälligen Frittenstation mit dem unerträglichen Gestank uralten Fettes, in dem sich die Broilerbestandteile langsam zu schuhsohlenartigen Gebilden verwandeln.

Um wie viel besser schmeckten ihm die Mahlzeiten, an die er sich nur noch ganz schwach erinnern konnte und die kein asiatisches Restaurant dieser Welt anbot.

Er glaubt den unvergleichlichen Wohlgeschmack von Zitronengras und der sorgsam gehüteten Gewürzmischungen seiner Mutter auf seiner Zunge zu spüren, als ihn plötzlich das Geräusch einer zufallenden Autotür aus den schmerzlichen Gedanken reißt.

Lärmend zieht Maik die mit billiger Plastikfolie beklebte Tür der Imbissbude auf und brüllt mit seiner typischen, heiseren Stimme :

Na, Alter, steig ein ! Wir haben einen Auftrag !“

 

Daphne zögert kurz, bevor sie in den fleischfarbenen, modellierenden Slip schlüpft, einen der zahllosen, die Maik so verabscheut.

Die Gebilde aus zarter Kunstseide, die er ihr schenkt, verursachen ihr ein Gefühl der Verruchtheit, mit dem sie noch nicht einverstanden sein will.

Nein ! Noch nicht ! Nein !“

Und ihre Hüften vertragen es, ein wenig in Form gebracht zu werden.

Max- Onno ist in der Stadt !“

Er will sich mit ihr zum Essen verabreden, im „Monteverdi“, wie immer.

Er hatte zwei Stunden zuvor im Sekretariat ihres Büros angerufen. Schon jetzt verursacht der Gedanke an seine stämmige Figur ihr körperliches Unbehagen.

Ganz sicher würde er bei der wie immer förmlichen Begrüßung seine kräftigen Hände länger als üblich um ihre schmalen Finger schließen und tief in ihre Augen schauen.

Nein ! Wie anders ist Maik – charmant, gutaussehend, agil und großzügig.

Wie sehr genießt sie die Fahrten in seinem offenen Wagen mit den hautschmeichelnden sandfarbenen Bezügen hin zu verschwiegenen Landgasthöfen mit den großformatigen Betten und jeglichem Komfort. Sie lächelt und kann es plötzlich nicht mehr erwarten, seine raue Stimme zu hören.

Jetzt ! Sofort !

Sie muß Max- Onno absagen, ein für alle mal.

Josephine Aubergine blickt gelangweilt durch die spitzenumsäumten Fenster des gediegenen Landhauses der Familie Johannisbeer.

Wie unerträglich langsam schleichen die Wochen, die einst die schönsten, wildesten, aufregendsten nach der nun endlich abgeschlossenen Ausbildung sein sollten.

Die Welt will sie sehen !

Reisen !

In das Leben mit seinen millionenfachen Möglichkeiten eintauchen !

Dies hier scheint keineswegs der geeignete Ort.

Drei kleine gänzlich unerzogene Gören halten sie den ganzen Tag auf Trab. Jockel, Jan und John scheinen nur Unsinn im angrenzenden Tulpenbeet des hoffnungslos langweiligen Max- Onno Leerdammer zu treiben und ihre Aufgabe ist es, den Schaden zu begrenzen.

Wie hat ihr Vater das nur tun können ! !

Über ihren Kopf hinweg, ohne den Hauch ihrer Einverständniserklärung, nur um seinem Freund Jockel Johannisbeer sen. in einer familiären Notlage unter die Arme zu greifen.

Au-Pair !

Das Letzte !

Vielleicht noch akzeptabel in Frankreich, an der Cote Azur oder in Paris ! Aber doch nicht hier, wo weit und breit kein interessanter Mann zu sehen ist. Noch nicht einmal eine attraktive Frau, die ihr ein leidenschaftliches Leben an ihrer Seite bieten kann !

Nächste Woche Berlin ! !

Die Flug-Tickets liegen schon auf dem zierlichen Schreibtisch der verstorbenen Hausherrin bereit.

Joachim Johannisbeer, von Freunden und Familie Jockel gerufen, arbeitet in irgendeinem Ministerium, (sie weiß nicht genau wo ) und sucht nach dem frühen Tod seiner Gattin ein Domizil in der Bundeshauptstadt. Bis zum endgültigen Umzugszeitpunkt wird sie auf die grauenhaften Johannisbeersprösslinge aufpassen und sie ihrem Vater im neuen Domizil in Berlin übergeben, keinen Tag länger.

Gestern nun vermeldete Johannisbeer, die Wohnung sei gefunden, das Internat für die Kinder sei passend – dem Wechsel stehe nun nichts mehr im Wege – dem Himmel sei Dank !

Mit einem Stoßseufzer greift sie zum Telefon, um den Tisch für das familiäre Abendessen im „ Monteverdi“ zu bestätigen.

 

Leander Linsen klopft mit den knotigen Knöcheln seiner linken Hand im Sekundentakt einen zackigen Marsch. Die rechte massiert die eisgrauen Brauen, die buschig die Gesichtspartie mit den tiefliegenden grünen Augen zur hohen Stirn hin begrenzen.

Zum wiederholten Mal studiert er die knappe Notiz, die sich auf der peinlich aufgeräumten Schreibtischfläche wie ein Fremdkörper ausnimmt.

Er hatte so sehr gehofft, nie mehr diesen Namen lesen zu müssen und dennoch ist er seinem Ziel nun so nah !.

Er hat rastlos die Welt bereist, in vielen Sprachen parliert, nützliche Bekanntschaften geschlossen, in unzähligen Hotelzimmern seine abgrundtiefe Einsamkeit mit hochprozentigen Tröstern aus der Minibar betäubt und fühlt sich doch stets und überall als Fremder. Seinen Lebensstil finanziert er mit den Zuwendungen seiner vermögenden Tante Thusnelda Teller- Linsen, die ihm monatlich einen üppigen Betrag in verschiedenen Währungen auf seine ausländischen Konten überweist.

Sie weiß nichts von mir ! Sie darf die Wahrheit nie erfahren !“

Unerträglicher, hämmernder Kopfschmerz durchzieht den Bereich hinter seinem linken Auge und lässt ihn mit einem kurzen Schmerzenslaut die elegante Brille abnehmen.

Mein Gott! Warum quälst du mich ?“

Bedrohlich lautes Klirren und ein sich anschließendes, gewaltiges, dumpfes Poltern hinter der schweren mahagonifarbenen Tür zur Restaurantküche lässt die zu dieser frühen Abendstunde noch wenigen Gäste im „Monteverdi“ erschreckt zusammenzucken.

Ein Schrei, hoch und schrill– dann kläglich vergehend, jagt Schauer des Entsetzens bis in die Poren der Gourmets.

Gian Carlo ! !“ Maria Mercedes lässt die kristallene Glasschale auf den niedrigen Beistelltisch fallen. Die unnachahmliche Nachspeise, mit tropischen Früchten und üppiger Eiscreme geschichtet, rutscht aus dem geschliffenen Glas vorbei am geschmackvollen Blumenarrangement, gleitet vom steifen Leinen der Tischdecke und fließt mit obszönem Geräusch auf den schwarzweiß gefliesten Steinboden mitten hinein in atemlose Stille.

Der behagliche Gastraum, vergoldet vom warmleuchtenden Abendlicht, verliert in dieser Sekunde alle Farben und wie im fahlen Grau alter Schwarzweißaufnahmen steht die Welt still.

Ohne, dass sie den Schauplatz des Geschehens betreten muss, spürt Maria Mercedes das Ende ihres Chefs, Lehrmeisters und Freundes : Gian Carlo Tonno.

Graf Josta schleppt sich mit hängenden Schultern und unsicheren Schritten zum ungezählten Mal durch seinen so liebevoll gepflegten Park und versucht das ungewohnte Durcheinander seiner Gedanken mit einem ordnenden System zu versehen:

Mein Leben ist bedroht !

Die Mühen meines politischen Lebens umsonst !

Meine Reputation gefährdet !

Die Vergangenheit ist auferstanden !

Niemals darf die Öffentlichkeit die Wahrheit erfahren ! Der Verräter muss mit allen Mitteln eliminiert werden!

Nein, nicht ! Des Mordens ist’s genug !

 

Ich bin über die Liebe gestolpert !

Max- Onno, nur aus leidenschaftlicher Liebe zu deiner Mutter hab ich deinen Vater nach Theresienstadt geschickt, verbrennen lassen !

Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie ihn nie verlassen würde!

Max- Onno, vergib mir !“

Er schiebt seine Hand in die schmale Innentasche seiner Hausjacke und ergreift ein mattblaues Etui. Er öffnet den Klickverschluss, nimmt eine milchigtrübe Kapsel heraus, schiebt sie zwischen seine schmalen, blutleeren Lippen und zerbeißt die Gelatinehülle mit letzter Kraft.

Hans Salzkorn und Ludger Zucker erheben sich schwerfällig von den abgewetzten Plastiksitzflächen ihrer Schreibtischstühle, schauen einander ratlos an und brummen unisono:

Ein Mord, hier bei uns – gibt’s doch gar nicht!“

Die Dienstelle der örtlichen Polizei ist im schäbigen Untergeschoss der Kreissparkasse in zwei Räumen untergebracht. Langeweile klebt an den Wänden und fadenscheinige, gelbstichige Häkelgardinen versehen den Alltag der beiden „Kriminalisten“ milde mit einem groben Schleier.

Max – Onno wischt eine salzig schmeckende Träne aus seinem Mundwinkel und legt die kräftige Hand auf sein heftig stolperndes Herz.

Glasklar, wie glitzernde Kiesel liegen die Gedanken im schimmernden Bett seines Schmerzes:

Es ist vorbei!

Ich bin ein Trottel und deutlicher als jetzt, hier und heute hat noch niemandem die Wahrheit gesagt!

Wie hab ich all die Jahre vergeuden können !

Danke, Daphne, dass du mich befreit hast vom falschen Glauben an das ewige Glück !“

Ich bin es nicht, den Daphne begehrt, wie hab ich das nur denken können ?

Er klappt das zierliche Handy, das so winzig von seinen riesigen Handflächen umschlossen wird, entschieden zusammen, verstaut es in der Innentasche seines gutsitzenden Jacketts, schluckt noch einmal kräftig und geht mit leichtem Lächeln in den samtenen Augen zum Haupteingang des Restaurants zurück.

Er öffnet die große Eichentür mit den hoch angebrachten, glänzenden Messingbeschlägen und schreitet hinein in ein Szenario, das angefüllt mit Schmerz seine eigenen leidvollen Empfindungen verblassen lässt.

Maik Lemberger hastet durch die menschenleere Einkaufsmeile der Kleinstadt, weicht Betonkübeln mit den unvermeidlichen teilvertrockneten Geranien in letzter Sekunde aus und versucht sich zu erinnern, wo zum Teufel er gestern sein Auto abgestellt hat:

Gian Carlo,dieser alte Idiot !

Als hätte schon jemals eine dilettantische Erpressung geklappt !

Es reicht nicht aus, meine Gespräche zu belauschen.

Ich mach’ meine Geschäfte grundsätzlich selbst!

Den arroganten Grafen mach ich alle, der wird nur noch sterben wollen, wenn der alles über sich und seine feinen Geschäfte in der Zeitung lesen kann !

Da muss man schon Köpfchen und Erfahrung haben !

Ha ! 250.000 € – der Italiener kennt wohl die Preise nicht!

Und meine Prinzessin ist teuer. Ich muss investieren, bevor die Kuh gemolken werden kann !

Dem Himmel sei Dank, dass die Gauckbehörde ein solch gut sortierter Selbstbedienungsladen ist, und jeder irgendwo ein gutgehütetes Geheimnis hat!“

Leander nimmt Platz im bequemen Fauteuil der Hotellobby und bestellt einen Whisky pur. Er liebt den brennend-aromatischen ersten Schluck und wird nie verstehen, dass man das rauchige Elixier mit Eis verwässern kann.

Genuss, edle Getränke und erlesene Speisen lassen ihn am Leben teilhaben und das Leid vergessen.

Der Schmelz einer cremigen Suppe mit sorgsam abgestimmtem Kräuterbouquet und feinkrustigen Croutons, die rosefarbene Anschnittfläche eines exquisiten, perfekt gegarten Roastbeefs, das schneeige Weiß eines auf den Punkt gegarten Blumenkohls ( um wie viel klangvoller die österreichische Bezeichnung Karfiol doch für dieses königliche Gemüse klingt), die goldgelbe Beschaffenheit eines flaumigen Pürrees ausgesuchter Erdäpfel, die Sauce von undurchdringlich glutroter Farbe mit einzigartigem Aroma – er verspürt ein sanftes Knurren seines Magens und streicht mit einer knappen, kurzen Bewegung über seine hagere Körpermitte, als wolle er sagen: „Wart’ ein Weilchen, noch ist es zu früh !“

Im „Monteverdi“ sitzen erschöpfte Gäste seit Stunden im Zenit des geschäftigen Treibens der ermittelnden Beamten.

Ermüdende Vernehmungen , die wiederholten Aufnahmen des Tatortes, erste Untersuchungen und der Abtransport der Leiche, die bedächtige Arbeit der Spurenermittler verlängern diesen grauenvollen Tag unendlich.

Großräumig ist das Gelände rund um das Restaurant abgesperrt – kein Hinderungsgrund für die Journaille der Revolverblätter und die lüsternen Aufnahmeteams der Fernsehsender, denen die Sensationsgier schon aus den aufgerissenen Mäulern tropft.

Maria Mercedes weint.

 

Die ersten Meldungen über den Mord im Rheinischen, druckfrisch an jedem Kiosk zu haben, versetzen Dschingis Thom-Ka in grenzenlosen Schrecken.

Erste Ermittlungen haben ergeben, dass ein riesiges asiatisches Messer feinster Machart aus bestem Stahl am Tatort gefunden wurde. Eine ganzseitige, gestochen scharfe Aufnahme der Tatwaffe zeigt klar und deutlich sein Messer, das ihm wichtigste Erinnerungsstück an seine geliebte Mutter, die Meisterin der asiatischen Küchengeheimnisse. Es hat einen Ehrenplatz inne in seiner stets peinlich aufgeräumten Küche, aufgehängt mit einer Lederschlaufe, auf dass kein Kratzer den schimmernden Stahl verletze.

Wann hat er das Messer zu letzten Mal gesehen ?

Wofür benutzt ?

Wer war der letzte Gast in seiner Wohnung ?

Maik !

Konnte er das Messer mitgenommen haben ?

Aber warum ?

Er ist Besitzer einer Mordwaffe !

Und Maik ein Mörder ?

Max – Onno zerrauft sein blondes, drahtiges Haar und blickt verzweifelt mit geröteten Augen seinem Gegenüber, Ludger Zucker ins unrasierte Gesicht.

Die Luft in diesem kleinen Raum ist schwer und nahezu trüb von unzähligen Zigaretten des aufgebrachten Polizisten :

Herr Leerdammer, zum hundertsten Mal, wo waren sie während des Essens und warum haben Sie das Restaurant für mindestens 30 Minuten verlassen. Sie sind der Tat hauptverdächtig, geben Sie Auskunft !“

 

Daphne überprüft seit 3 1/2 Stunden ihre Auszüge und kalter Schweiß rinnt ihr langsam den Nacken hinunter, über den kräftigen Rücken hinab bis zum zarten Saum des duftigen, feuerroten Slips.

Entgeistert vergleicht sie die Belege ihrer Kreditkarte mit den Kontenbewegungen der letzten Wochen.

Abgeräumt !

Das Konto verfügt noch über genau 87,34 €.

Das Ersparte der arbeitsreichen Jahre in Bonn, des hektischen, aktuellen Lebens in Berlin, wo sie noch nicht einmal die Zeit hat, ihr Gehalt auszugeben und die verlockenden Konsumtempel nur spät nachts vom müden Heimweg kennt.

Das Sparbuch bis auf wenige hundert Euro leer !

Ein kleines Häuschen auf Rügen hat’s werden sollen !

Ich hab den Verstand im Bett verloren!“

Heisse Tränen tropfen auf die Schriftstücke, die in sorgfältigen Stapeln den Sekretär bedecken.

 

Alf Avocado sitzt im hohen Gras der hinteren Parkanlage, betrauert den Tod seines Arbeitgebers und das Ende seiner souveränen Tätigkeit in angenehmsten Ambiente.

Anni, die deutlich realistischer das Leben und den Tod einschätzt, packt resolut die Koffer, um gemeinsam mit der Schwiegermutter die nächstmögliche Zugverbindung in die Tessiner Heimat aus dem Abfahrtsverzeichnis herauszusuchen :

Dreck am Stecken hat er gehabt, der feine Herr Graf !

Warum schreibt der Doktor Herzstillstand, wenn’s doch ein Selbstmord war ?“

 

Maik Lemberger hängt an Armen und Beinen gefesselt am massiven Dachbalken in der Küche seines ehemaligen Schützlings Dschingis.

Er hängt dort wie ein Stück Vieh, sein verzerrter Mund mit grobem Handtuchleinen geknebelt, mit blaurot geschwollenen Handgelenken und unförmigen Fußknöcheln einen halben Meter über dem blankgescheuerten Fußboden.

Dschingis ritzt mit seinem skalpellscharfen Gemüsemesser feine,tiefe lange Streifen wie das komplizierte Muster eines östlichen Teppichs in Lembergers Haut und reibt mit sichtlichem Genuss zu Staub zermahlene Chilischoten und andere, stark duftende Gewürze in die blutigen Wunden. Sein Opfer zuckt.

Lembergers Augen scheinen fast aus dem stiernackigen Schädel zu quellen.

Lembergers Urin tropft in eine Salatschüssel, die Dschingis unter dem baumelnden „Helden“ aufgestellt hat und der nun kopfschüttelnd sein ehemaliges Idol betrachtet.

Leander liest aufmerksam den Regionalteil, lässt die Tageszeitung sinken, lächelt und blättert noch einmal die Todesanzeigen auf.

In steilgeschwungenen Buchstaben wird vermeldet, dass Graf Josta plötzlich und unerwartet verstorben ist. Zahlreiche Berühmtheiten aus Politik und Wirtschaft haben in mehrseitigen Anzeigen ihrer Erschütterung Ausdruck verliehen.

Gute Arbeit ! ! Schade nur, dass sich nun nicht mehr auf Lemberger zurückgreifen lässt. Für gutes Geld hat der immer funktioniert.

Vielleicht verbringt er ein paar Tage bei Thusnelda, bevor er eine weitere Auswahl trifft aus der Liste der Betrüger, Schmarotzer, Verbrecher aus dem Adressbuch seiner Tante.

 

Ludger Zucker und Hans Salzkorn starren auf die surrende Schmeißfliege, die sich auf die in der Hitze des Sommertages schon an den Rändern gebogenen Schmalzbrote für den 11.00 Uhr- Imbiss niederlässt und mit ihrem Rüssel die Salzkörner staubsaugt.

Vorüber, vorbei.

Die Reporter abgezogen.

Der Graf beerdigt.

Ergreifende Texte in den Traueranzeigen.

Große Trauerfeier mit allen bekannten Politikern.

Hoher Sicherheitsaufwand.

Der Mord an dem Italiener geklärt.

Der Mörder spektakulär vom Vietnamesen dingfest gemacht und für Jahre im Knast.

Mehr Arbeit als in den letzten hundert Jahren.

 

Maria Mercedes ordnet den Strauß der farbenprächtigen Papageientulpen in der stilvollen Kristallvase, legt ihren wohlduftenden Arm um Max- Onnos mächtige Schultern und rubbelt mit ihrer vorwitzigen Nase an seinem fleischigen Ohrläppchen :

Ich bin so froh, dass wir mit Dschingis neuen Schwung in unser Lokal bringen. Italienische Küche – schön und gut, aber die Welt ist bunt und vielfältig ! Fangen wir an und essen uns durch !“

 

____________________________________________Minutenlang tosender Applaus und vielfaches Verbeugen vor dem begeisterten Publikum verhinderte, dass die Akteure auf der Bühne Blickkontakt mit den vier attraktiven Damen mittleren Alters in der ersten Reihe aufnehmen konnten.

Sie alle wussten :

Ohne die überbordende Fantasie der vier leidenschaftlichen Köchinnen wäre es niemals gelungen, eine mörderische Kriminalgeschichte, die in einer winzig schmalen Küche entstand, auf die Bühne, vor ein geneigtes Publikum und zum Erfolg zu führen.

 

Tausendfacher Dank an

Ulla Hebel-Zipper

Andrea Reuther, Marion Sternagel-Kraft und

Gudrun Mütze von der Lahr

 

Möge es noch viele kreative Abende mit Lyrik, Prosa, Gesang und Tanz ? (muss aber nicht sein !) und einem vorzüglichen Essen geben.

Die vier Hauptpersonen verneigten sich anmutig und verließen den Saal – auf zu neuen Taten.

 

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